Kultur

Der in Deutschland lebende amerikanische Journalist Eric T. Hansen schrieb in einer Kolume in der DIE ZEIT online vom 16. Juni 2014:

 

"Ich mag keine Kultur. Da bin ich ganz Ami. Ich halte das für nichts weiter als ein Statussymbol. Wenn jemand anfängt, von Kultur zu reden, denke ich: "Jetzt soll ich wohl beeindruckt sein, wie der in der Schule aufgepasst hat. Aber eigene Ideen haben – das ist nicht notwendig, solange man Kultur hat."

 

Es ist wohl wahr, Traditionen und Kulturen kommen gewöhnlich auch ohne Denken aus. Doch so ganz kann man auf sie nicht verzichten, denn es gibt auch die Kultur der Aufklärung und der Demokratie, die u.a. im Jahr 1776 zur Staatsgründung der Vereingten Staaten von Amerika beitrug. Diese aufgeklärte demokratische Kultur kann ohne Denken nicht bestehen! Ich empfehle hierzu ein Buch von Arthur Herman: How the Scots invented the Modern World. The true story of how Western Europe's poorest nation created our World & everything in it. New Work: Three Rivers Press. 2001.

 

 

Der Philosoph Immanuel Kant hat einmal postuliert:

 

"Freiheit ist das Vermögen der Vernunft, für sich selbst praktisch zu sein."

 

Der Historiker Christian Meier hat ein  Buch mit dem Titel: Kultur, um der Freiheit Willen. Griechische Anfänge – Anfänge Europas (2009) vorgestellt.

 

Kant beantwortete die Frage, Was ist Aufklärung, folgendermaßen:

 

 

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. S. 481-494



 

Ich bin der Meinung, dass sollte ebenfalls für Kulturen gelten. Ist das so?

Betrachtet man Kulturen im Verlaufe der Geschichte des Homo sapiens sapiens, könnte man vermuten, dass die Menschen der Steinzeit Kulturen herausgebildet haben, von denen wir jedoch wenig bis nichts wissen. Das historische Dunkel der Kulturen lichtet sich erst ab dem Neolithikum. Hier entstehen Kulturen mit Getöse, und zwar mit dem Getöse der Herrschaft. Im Laufe der Zeiten entstehen immer umfangreichere Kollektive als Staatengesellschaften und mit ihnen immer grandiosere Kulturen, u. a. die des römischen Imperiums, die uns heute noch bis in den Lateinunterricht verfolgt. Gerhard Lenski (1977) hat hierüber in seinem Buch Macht und Privileg berichtet, Lewis Mumford (1984) ebenso in seinem Werk Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht über die Megamaschine der Herrschaft. Auch als der Kolonialismus einfachere Gesellschaftsgebilde und ihre Kulturen ans Tageslicht der Geschichte brachte wimmelte es überall auf der Welt von Häuptlingen bis hin zu Königen. Man könnte deshalb die These formulieren: eine Kultur, die etwas auf sich hält, benötigt zumindest einen Häuptling; oder einfach herrschende Ältere, gelegentlich auch als Gerontokraten bezeichnet. Was ich damit sagen möchte: Ohne Herrschaft scheinbar keine Kultur! Oder: Kultur = Macht!? Es mögen sich dem Leser darob die Haare sträuben, doch wo gibt es Kulturen ohne Macht? Richtig, dort wo keine Macht und Herrschaft vorwalten!


Man stelle sich das vor! Kultur um der Freiheit willen, und damit gerade nicht um der Macht und Herrschaft willen! Wo gab es das? Z.B. im antiken Griechenland, speziell in Athen, mit der Entstehung der Demokratie und zugleich der Kunst, Literatur und Wissenschaft. Der bekannte Hau Drauf Alexander hat es wieder zugrunde gerichtet, den Philosophen durch den Sportlehrer und die Philosophenschule durch das Sportstadium, das Gymnasium, ersetzt. Danach ging es nur noch bergab mit der Kultur um der Freiheit willen, speziell im grandiosen römischen Reich. Welch eine Kultur! Ihr Wesenskern war cäsarische Herrschaft, territoriale Größe, das Kolosseum, der Gladiator und viel Blut! 'Ad Bestiae' war eine beliebte Todesstrafe. Anschließend, wir wissen es alle, wurde es noch dunkler in der Menschheitsgeschichte der Kulturen, bis es irgendwann wieder von Königen, Kaisern, Rittern und ihren Kulturen wimmelte. Einer, Louis XIV von Frankreich, schnappte förmlich über und verkündete lauthals als gallischer Hahn: ‚L'etat c'est moi‘. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm wollte nur noch Weltkrieg spielen; und Adolf Hitler mit der Reinkarnation der Kultur der Germanen die ganze Welt auslöschen. Wir alle wissen, wo und wie diese Kulturform 1945 endete. Ihr sozialistisches Pendant hauchte zumindest in Osteuropa kurz vor dem Millenniumswechsel ihr erbärmliches unfreies Leben aus.

Doch zwischen drinnen in diesem Kulturgetümmel der Macht und Herrschaften im Mittelalter und der Neuzeit erschien erneut eine Kultur um der Freiheit willen. Wir kennen sie als die Kultur der Renaissance. Bewusst knüpfte man hierbei an die Kultur des antiken Griechenland an. Doch auch dieser Glanz einer erneuten Kultur der Freiheit war nicht von langer Dauer. Die dumpfen Kulturen der Könige und Kaiser in ihrem Umfeld richteten sie wieder zugrunde. Doch diesmal wurde die Fackel der Kultur um der Freiheit willen weitergereicht, weit weg von diesen Königen. Sie erleuchtete erneut in den Vereinigten Staaten von Amerika mit der Unabhängigkeitserklärung von England am 4. Juli 1776, bevor sie 1798 in Frankreich ebenfalls jäh aufblühte um daraufhin wieder im Blut der jakobinischen Guillotine zu versinken. 


Wenden wir uns also den Kulturen um der Freiheit willen zu, theoretisch und praktisch: Eine Kulturtheorie um der Freiheit willen muss kritisch sein. Eigentlich genau das, was freiheitliche Wissenschaft ausmacht und eine freiheitliche Kulturwissenschaft auszeichnen sollte: Kritik an Kulturen die nicht um der Freiheit willen bestehen und Förderung der Kulturen die um der Freiheit willen bestehen oder bestehen wollen. Praktisch also heißt das, um den Kulturen um der Freiheit willen auf die Sprünge zu helfen, auch wissenschaftlich zum kulturellen Wandel beitragen.

Kultur um der Freiheit willen, wie sie einmal in Griechenland erstanden ist, hat Leistungen des homo sapiens sapiens erbracht, die nirgendwo sonst erbracht werden können: Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Literatur. Dies gibt es zwar dem Namen nach auch in Kulturen der Unfreiheit wie Iran, der früheren Sowjetunion, Kuba, China, Nordkorea usw., doch mit der 'Schere der Unfreiheit im Kopf' und folglich dem 'Brett vor dem Kopf'. Kurz: Kulturen der Unfreiheit machen auch noch dumm. Außen vor und dennoch im Gleichklang mir diesen stehen ebenso diejenigen Kulturen, die es noch nicht einmal bis zur Polis der freiheitlich vergesellschafteten Individuen geschafft haben, d.h. denen es an demokratischen Grundprinzipien ermangelt. Man sollte etwa einen Rat der Älteren oder das Palaver in akephalen Gesellschaften nicht mit Demokratie verwechseln!  Die meisten Kulturen der Menschheitsgeschichte waren KEINE 'Kulturen um der Freiheit willen'.

 

Es gilt: Kulturelle Traditionen kommen auch ohne Denken aus!

Fazit: Herrschaftskultur verhindert nicht nur Freiheit, sondern, indem sie auch das Denken in Freiheit verhindert, macht auch dumm und hält dumm! Das erkennt man gut an den gegenwärtigen Diktaturen, sei es in Nordkorea, China, Libyen, Burma und anderswo. Man könnte diesen Zustand auch als kulturelle Verblödung des homo sapiens sapiens durch Herrschaft bezeichnen.

Abschließend eine moderne Kulturtheorie der Freiheit in Gedichtform von Johann Wolfgang Goethe (1827)

Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, der alte,
Hast keine verfallenen Schlösser
Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.

 

Mein Freund Thomas Kroh musste Goethe im Oktober 2012 kongenial auf die Sprünge verhelfen:

 

Amerika, du bist genau wie wir
Dein Kontinent, größer als unserer
Mit Tipis und Baumwollfeldern
Tot übersät, gräberlos

Du störst Dich nicht
Verleugnest Zeit
Vertrinkst Erinnerung
Und streitest weiter

Deine Gegenwart bezahlst du mit Geld
Und deine Kinder verlieren sich
Geschickt im digitalen Netz
Vor der Wirklichkeit

 

Ansonsten bevorzuge ich die Kulturtheorie von Klaus P. Hansen (Kultur und Kulturwissenschaft. 2003; Kultur, Kollektiv, Nation. 2009). Er erfasst dieses ätherische Gebilde Kultur mit Hilfe von vier Standardisierungen des Denkens, Fühlens, Kommunizierens und Handelns. Sie bilden die strukturelle Grundlage für soziale Kollektive und, je nach Mixtur und Gewichtung, von deren Kulturen. Kultur, in diesem Sinne, könnte man deshalb auch als das Programm von Gesellschaft verstehen, wie diese vier Standardisierungen ihre jeweiligen Kulturen weben - Das habe ich der Kulturtheorie von Siegfried J. Schmidt Kognitive Autonomie und Soziale Orientierung. 2003; Medien = Kultur? 2003 entnommen.

 

Ich habe einmal ein Buch darüber verfasst:

Kultur im Zeitalter der Globalisierung. Von Identität zu Differenz.

Frankfurt: 2000.

 

Nicht dass ich nicht mehr dazu stehen würde, doch ich würde es heute ganz anders oder gar nicht mehr schreiben.